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FAQ - Chlorothalonil

FAQ - Chlorothalonil

FAQ


FĂŒr die Betrachtung toxikologischer Grenzwerte zieht man den ADI-Wert «Acceptable Daily Intake» (dt. duldbare tĂ€gliche Aufnahmemenge) hinzu, um die Menge eines Stoffes anzugeben, die ein Mensch tĂ€glich und ein Leben lang ohne erkennbares Gesundheitsrisiko aufnehmen kann. Der ADI stellt also einen Grenzwert fĂŒr die Langzeit-Exposition von Menschen dar. Es muss betont werden, dass der ADI bei Chlorothalonil 1/100 der Menge Stoff pro kg Körpergewicht und Tag entspricht, der bei Langzeit Tierversuchen keine GesundheitsschĂ€digung beim Tier hervorrief (Sicherheitsfaktor 100 Mensch zu Tier). 
Bei der Risikobewertung von genotoxischen Substanzen, also Stoffen, die das Erbgut schĂ€digen, geht man in der Regulatorik standardmĂ€ssig davon aus, dass es keinen sicheren Grenzwert gibt. Das ist ein sehr konservativer Ansatz, weil er nicht berĂŒcksichtigt, dass die Zelle ĂŒber zahlreiche Möglichkeiten verfĂŒgt, um SchĂ€den am Erbmaterial zu reparieren. Erst wenn diese Reparaturmechanismen ĂŒberlastet sind, können sich GesundheitsschĂ€den einstellen.
Nach der EU Pesticide database liegt der ADI fĂŒr Chlorothalonil bei 0,015 mg/kg Körpergewicht und Tag. Mit der Annahme, dass dieser ADI auch fĂŒr die Metaboliten gilt, heisst das:
- Ein Kleinkind von 3 kg Körpergewicht könnte also bis zu 45 Mikrogramm Chlorothalonil (inkl. Abbauprodukte) tĂ€glich zu sich nehmen. Bei einer Gesamtkonzentration der Abbauprodukte von Chlorothalonil von 10 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser – also das 100-fache des zugelassenen Höchstwertes – mĂŒssten mindestens 4,5 Liter Trinkwasser aufgenommen werden um den ADI-Wert fĂŒr ein 3 kg schweres Kleinkind zu erreichen. Die geschĂ€tzte Trinkmenge (Schoppen) liegt hingegen jedoch bei ca. 1/6 des Körpergewichts, also nur bei rund 0,5 Liter.
- Bei einem Erwachsenem von 70 kg liegt der ADI bei 1050 Mikrogramm Chlorothalonil-Abbauprodukte tĂ€glich, mit 2 Liter Ă  10 Mikrogramm pro Liter nimmt ein Erwachsener 20 Mikrogramm Chlorothalonil-Abbauprodukte auf. Um den ADI-Wert zu erreichen (ebenfalls bei 100-facher HöchstwertĂŒberschreitung) mĂŒsste er somit tĂ€glich ĂŒber 105 Liter Trinkwasser zu sich nehmen.

Die EuropĂ€ische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) spricht sich basierend auf der Peer-Review der Risikobewertung von Chlorothalonil dafĂŒr aus, die Muttersubstanz in die Kategorie 1B fĂŒr karzinogene Wirkungen einzustufen. Das BLV schliesst sich dieser Beurteilung der EFSA an. Bei einer Einstufung in die Kategorie 1B werden gestĂŒtzt auf den europĂ€ischen Leitfaden ĂŒber die Beurteilung der Relevanz von Metaboliten automatisch alle Metaboliten von Chlorothalonil als relevant angesehen.

Ja – Hahnenwassertrinken ist sicher. Trinkwasser ist nach wie vor eines der saubersten Lebensmittel ĂŒberhaupt. Alle konventionellen Lebensmittel enthalten Spuren von Pestizidwirkstoffen, in der Regel ein Vielfaches mehr als im Trinkwasser nachgewiesen wird. Die HöchstwertĂŒberschreitung im Trinkwasser ist aber als Warnsignal zu verstehen, das Problem mĂŒssen wir als Gesellschaft nun zĂŒgig lösen.
 
Halten wir fest: Der Fall der Chlorothalonil-Abbauprodukte im Trinkwasser zeigt, dass die Überwachung des Trinkwassers funktioniert. Wasserversorger und Behörden reagieren so rasch wie möglich. Der gesetzliche Höchstwert gilt fĂŒr diesen Stoff erst seit Ende Juni 2019. Der Stoff ist aber nicht erst seit Juli im Wasser, sondern wahrscheinlich seit 40-50 Jahren. Der bei uns geltende maximale Höchstwert von 100 Nanogramm pro Liter Wasser ist zudem vorsorglich sehr tief angesetzt und nicht toxikologisch begrĂŒndet. Trotzdem ist das ein deutliches Warnsignal, dass es einen wirksameren vorsorglichen Grundwasserschutz braucht. Die Trinkwasserbranche hat schon lange klare Forderungen publiziert. Eine ÜberprĂŒfung des Zulassungsverfahren der Pestizide ist ebenso angezeigt. Die Politik ist gefordert.

 

Das BLV teilt die EinschĂ€tzung der EuropĂ€ischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA), wonach Chlorothalonil möglicherweise Krebserregend ist und somit in die Kategorie 1B eingeteilt wird (gestĂŒtzt auf den europĂ€ischen Leitfaden ĂŒber die Beurteilung der Relevanz von Metaboliten), damit sind alle Grundwassermetaboliten von Chlorothalonil relevant, ungeachtet ihrer toxikologischen Eigenschaften.
GemĂ€ss EFSA können gesundheitsschĂ€digende Wirkungen bei niedrigen Konzentrationen von Chlorothalonil-Metaboliten nicht gĂ€nzlich ausgeschlossen werden. Die EFSA benutzt fĂŒr ihre Beurteilungen konservative AnsĂ€tze. Das BLV ĂŒbernimmt diese AnsĂ€tze, so dass bei Konzentrationen grösser als 0,1 ”g/l risikomindernde Massnahmen getroffen werden mĂŒssen.
Eine Abschliessende Aussage ĂŒber die gesundheitlichen Risiken fĂŒr den Menschen durch Chlorothalonil und dessen Abbauprodukte im Schweizer Trinkwasser ist mit der aktuellen Datenlage nicht möglich. Zur GewĂ€hrleistung des vorsorglichen Gesundheitsschutzes hĂ€lt das BLV aber am Höchstwert von 0,1 ”g/l fest.

In frĂŒheren Risikobeurteilungen durch die europĂ€ischen und Schweizer Behörden gab es keine Anzeichen von GesundheitsgefĂ€hrdung. Erst 2018 zeigten erneute Auswertungen ein anderes Bild. Da die Abbauprodukte von Chlorothalonil demnach als unproblematisch galten, war der Stoff auch nicht auf dem Radar von Trinkwasseruntersuchungen. Seit der Neubeurteilung hat sich das nun geĂ€ndert. Ende 2019 wurden zudem sĂ€mtliche Metaboliten von Chlorothalonil als relevant erklĂ€rt, und die Anwendung von Chlorothalonil wurde auf den 1. Januar 2020 verboten. Da nun der Höchstwert gemĂ€ss TBDV von 0,1 ”g/l fĂŒr alle Metaboliten gilt, sind folglich auch viel mehr Wasserversorger mit HöchstwertĂŒberschreitungen konfrontiert.

Ab Januar 2020 sind sĂ€mtliche Metaboliten als relevant zu beurteilen. Die Wasserversorger mĂŒssen mindestens die beiden Metaboliten R417888 und R 471811 messen und beobachten, damit eine Gesamtbeurteilung möglich ist.

Erst durch die Auswertung der zukĂŒnftigen Messkampagnen von Bund, Kantonen und den betroffenen Wasserversorgern, wird man fundiertere Aussagegen bezĂŒglich dem der Entwicklung der Konzentrationen von Chlorothalonil-Metaboliten im Grundwasser machen können.
In Laborexperimenten wurde Chlorothalonil-SulfonsĂ€ure (Metabolit R417888) im Boden nur langsam abgebaut. In der EFSA Conclusion (2018) werden Halbwertszeiten im Bereich von 128 bis 1000 Tage angegeben, die mittlere Halbwertszeit lag bei 332 Tagen (Versuche mit 21 verschiedenen Böden unter aeroben Bedingungen bei 20°C). Unter Feldbedingungen werden die meisten Stoffe eher rascher abgebaut als im Labor. FĂŒr Chlorothalonil-SulfonsĂ€ure stehen dazu aber keine Daten zur VerfĂŒgung.
Im Boden wird Chlorothalonil-SulfonsĂ€ure nur schlecht zurĂŒckgehalten und kann als sehr mobil bezeichnet werden. In der EFSA Conclusion (2018) werden Sorptionskonstanten (KFOC) im Bereich von 5 bis 16 ml/g angegeben (Versuche mit 12 verschiedenen Böden). Die hohe MobilitĂ€t wird bestĂ€tigt durch Befunde aus Versickerungsversuchen in Lysimetern, wo der Metabolit im Sickerwasser nachgewiesen wurde.
Eine allgemeine Prognose, wie lange der Stoff noch im Boden vorkommen wird, beziehungsweise im Grundwasser nachgewiesen werden kann, ist nicht möglich. Da es sich um einen sehr mobilen Stoff handelt, dĂŒrfte seine Konzentration in rasch fliessenden Grundwasserleitern relativ rasch wieder abnehmen. Allerdings wird er noch eine Weile aus den Böden nachgeliefert werden. In Grundwasserleitern mit geringem Wasseraustausch dĂŒrfte Chlorothalonil-SulfonsĂ€ure noch lĂ€nger nachweisbar sein. Oft werden Stoffe nur sehr langsam oder kaum abgebaut, wenn sie die gesĂ€ttigte Zone erreicht haben. Die Zeitspanne, wĂ€hrend welcher der Metabolit noch nachgewiesen werden kann, dĂŒrfte also wesentlich von der jeweiligen Aufenthaltszeit des Grundwassers abhĂ€ngig sein.

Die Abbauprodukte von Chlorothalonil sind durch gĂ€ngige Aufbereitungsverfahren wie Oxidation oder Aktivkohle nicht gut entfernbar. Man mĂŒsste wohl aufwĂ€ndigere Massnahmen in Betracht ziehen wie z.B. dichte Membranen (Nanofiltration, Umkehrosmose), sofern man das Problem nicht an der Quelle (Austrag) lösen kann. Die Eawag (Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereiches) forscht intensiv am Thema Aufbereitung. Die aktuellen Erkenntnisse sind in einem Factsheet der Eawag zusammengefasst.
Die Gesamtrealisierungsdauer fĂŒr eine Trinkwasseraufbereitungsanlage kann bis zu 10 Jahre dauern.

Gerade der Fall Chlorothalonil zeigt, dass nicht fĂŒr jeden Stoff eine wirksame Aufbereitung zur VerfĂŒgung steht. Die Abbauprodukte lassen sich nur sehr schwer entfernen. Ein vorsorglicher GewĂ€sserschutz ist unumgĂ€nglich. Das Problem muss an der Quelle angegangen werden und die StoffeintrĂ€ge reduziert werden.

Das Risiko, dass immer zusĂ€tzliche unerwĂŒnschte und relevante Fremdstoffe im Trinkwasser nachgewiesen werden können ist gross. Die Wasserversorger mĂŒssen sich bezĂŒglich Selbstkontrolle und anspruchsvoller Kommunikation vorbereiten.

Unter Einbezug der neuesten Messresultate der im 2020 durchgefĂŒhrten Messkampagnen von Bund, Kantonen und Wasserversorgern, geht der SVGW davon aus, dass rund eine Million Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz mit Trinkwasser versorgt werden mĂŒssen, welches die Höchstwerte an Chlorothalonil-Metaboliten ĂŒberschreitet.

 

 

FAQ - Chlorothalonil
FAQ - Chlorothalonil

Der SVGW hat ein Argumentarium zur Thematik «Chlorothalonil» erarbeitet, das den Mitgliedern zur freien VerfĂŒgung steht. Das Dokument wird laufend erneuert. In den FAQ finden Wasserversorger das Wichtigste in KĂŒrze.